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Psychodrogen in der Medizin
Da im Gehirn zahlreiche chemische Prozesse ablaufen, lag es nahe, zu versuchen, in diese Vorgänge mit chemischen Mitteln einzugreifen. In unkontrollierter Weise geschieht dies seit langem durch verschiedene Rauschgifte, unter denen die gefährlichsten die modernen synthetischen "Designerdrogen" sind. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Psychopharmaka entwickelt, die es erlauben, bestimmte, Zentren des Gehirns kontrollierbar zu beeinflussen. Bei Tieren konnten durch Einbringen winziger Mengen chemischer Stoffe ins Gehirn nicht nur Stimmungen wie Tatendrang und Ruhebedürfnis, sondern auch elementare Triebe wie Hunger, Durst und sexuelle Betätigung "auf chemischen Befehl" hin ausgelöst werden. Injiziert man einer Ratte Noradrenalin (eine Überträgersubstanz im Nervensystem) in ein bestimmtes Zwischenhirngebiet, so entwickelt das Tier augenblicklich einen rasenden Appetit, auch dann, wenn es sich zuvor gerade sattgefressen hat. Spritzt man Azetylcholin - einen anderen Überträgerstoff - an die gleiche Stelle, nachdem die Ratte ihren Durst gelöscht hat, so fängt sie gierig an zu trinken. Da eine solche Verabreichung (durch eine feine Kanüle) von psychisch wirksamen Substanzen beim Menschen nicht in Frage kommt, werden sie entweder in die Blutbahn eingespritzt oder in Tablettenform verabreicht. Jedermann kennt heute schmerzstillende Mittel, Schlaftabletten oder Weckmittel. Wachheitsdrogen wirken der Müdigkeit entgegen und narkoseverkürzend. In körperlicher und geistiger Hinsicht haben Weckamine eine ausgesprochenen leistungssteigernden Effekt. Körperliche Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit können erheblich gesteigert werden. Zehn ermüdeten Sportlern wurde Pervitin gegeben, um zu prüfen, wie es mit den Kraftreserven, der Geschicklichkeit, der Konzentration und Reaktionsgeschwindigkeit unter dem Einfluss des Mittels bestellt ist. Es zeigte sich, dass vor allem bei den mehr geistigen Leistungen nicht mehr Ermüdung ausgeglichen wurde, sondern eine Steigerung darüber hinaus auftrat. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Pervitin-Anhänger meist ehrgeizige Leute sind: Manager, Schriftsteller, Prüfungskandidaten und Schauspieler verwenden diese nicht ganz harmlose Droge mit Vorliebe. Sie müssen das hochtourige Laufen ihrer Lebensmaschine mit Erschöpfungszuständen und um so längerem Schlaf bezahlen. Beruhigungsmittel (Tranquilizer) sind heute ebenfalls sehr weit verbreitet. Von "Librium" oder "Valium" erwarten täglich Millionen Menschen die Ruhe und den Seelenfrieden, die sie aus eigener Kraft nicht zu finden vermögen. Diese Präparate sind geradezu Symbole unserer zeit geworden. "Wir werden uns noch in den Tod hinein beruhigen", meinte ein sarkastischer Zeitgenosse. Bei diesen Psychodrogen besteht auch die Gefahr einer seelischen Abhängigkeit. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass die Tranquilizer bei der Behandlung von Depressionen wertvolle Dienste leisten. Wahrheitsdrogen ermöglichen eine besondere Art, Menschen chemisch zu manipulieren. Unter der enthemmenden Wirkung geringer Dosen von Narkosemitteln gesehen Menschen in einem Dämmerzustand Dinge, die sie im Wachzustand niemals ausplaudern würden. Mit Hilfe dieser "Narko-Analyse" können im militärischen Bereich oder im Spionagebereich Geheimnisse entlockt, in Gerichtsuntersuchungen Geständnisse von Verbrechern herausgeholt werden. Zwar sind hierzulande derartige Methoden verboten, doch wurde vor etlichen Jahren ein Fall bekannt, in dem zwei Verdächtige, die bei Polizeiverhören die ihnen zur Last gelegten Morde immer wieder bestritten hatten, durch eine Spritze zu einem Geständnis gebracht wurden, das die beiden allerdings schon tags darauf widerriefen. |