Selbstverletzendes Verhalten (svv)

Störungsspezifische Diagnostik

Symptomatik:

Die störungsspezifische Symptomatik wird gewonnen durch:

  • Befragung der Eltern
  • Befragung von Bezugspersonen und Betreuern (hierbei notwendige Schweigepflichtsentbindungen einholen!). Speziell bei der artifiziellen Störung: Medizinische Vorbefunde, Krankenhausaufenthalte, ärztliche Konsultationen und durchgeführte Untersuchungen etc.
  • Beobachtung in der Untersuchungssituation
  • Verhaltensanalyse
  • Psychiatrische Exploration in Abhängigkeit von der Grunderkrankung (z.B. Störung der Impulskontrolle bei emotional instabiler Persönlichkeitsstörung)
  • Internistisch/pädiatrisch-neurologische Untersuchung.

Störungsspezifische Entwicklungsgeschichte
Diese differiert in Abhängigkeit von dem zugrundeliegenden psychiatrischen Störungsbild und der Grunderkrankung (z.B. sehr früher Beginn der schweren Form des stereotypen selbstbeschädigenden Verhaltens bei spezifischen Syndromen wie Lesch-Nyhan-Syndrom, Cornelia-De-Lange-Syndrom, Smith-Magenis-Syndrom oder frühkindlichem Autismus). Beginn der artifiziellen Störung sowie bei oberflächlichen Selbstbeschädigungen typischerweise in der Adoleszenz (z.B. bei Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus, Störungen des Sozialverhaltens etc.).

Psychiatrische Komorbidität und Begleitstörungen
Selbstverletzendes Verhalten muß als multikausal bedingtes Störungsbild angesehen werden und tritt mit einer Vielzahl von möglichen Verursachungsfaktoren in Erscheinung. Es findet sich ein gehäuftes Auftreten bei ganz unterschiedlichen psychiatrischen Erkrankungen und Störungsbildern.
Bei geistig behinderten Heiminsassen werden Raten von bis zu 40%, bei Anorexia nervosa und Bulimia nervosa von 35 - 40%, bei Persönlichkeitsstörungen von ca. 35% und bei Gefängnisinsassen von ca. 25% gefunden. Bei Jugendlichen mit Störungen des Sozialverhaltens, Delinquenz und aggressivem Verhalten wird selbstverletzendes Verhalten in ca. 40% beschrieben. Kinder und Jugendliche mit Blindheit zeigen sehr hohe Raten von Stereotypien und selbstverletzendem Verhalten, in einzelnen Untersuchungen von bis nahezu 100%. Zwischen 42 und 66% weiblicher Adoleszenten um das 20. Lebensjahr mit selbstverletzendem Verhalten berichten von körperlichem und/oder sexuellem Mißbrauch in der Vorgeschichte.

Störungsrelevante Rahmenbedingungen
Es gilt auf der Verhaltensebene zwischen zwei unterschiedlichen Formen des selbstverletzenden Verhaltens zu unterscheiden: Die erste Form kommt durch eine extrinsische Motivation zustande und wird durch äußere Einflüsse und Gegebenheiten aufrechterhalten (z.B. durch Zuwendung im Falle des Auftretens des selbstverletzenden Verhaltens oder wenn selbstverletzendes Verhalten zur Vermeidung von angstauslösenden und überfordernden Situationen führt). Die zweite Form wird durch intrinsische Faktoren aufrechterhalten, wobei die Selbststimulation überwiegt und Umgebungs- und Verstärkungsbedingungen eher eine untergeordnete Rolle spielen.

Weitergehende Diagnostik und Differentialdiagnostik

  • Es gilt, zwischen offener Selbstbeschädigung und heimlicher Selbstbeschädigung oder vorgetäuschter Erkrankung zu differenzieren.
  • Suizidalität: Unter dem Begriff selbstverletzendes Verhalten werden verschiedene Auffälligkeiten zusammengefaßt, deren gemeinsames Ziel die Beschädigung des eigenen Körpers ist. Obwohl selbstverletzendes Verhalten und suizidales Verhalten gemeinsam haben, daß sich ein schädigender Impuls gegen den eigenen Körper richtet, so unterscheiden sie sich aber doch darin, daß selbstverletzendes Verhalten in der Regel nicht auf die Beendigung des eigenen Lebens hinzielt, sondern daß die wiederholte Beschädigung des eigenen Körpers das zentrale Phänomen darstellt. Die Wiederholungstendenz gehört ebenso dazu wie die Verletzung als solche. Speziell bei sich im Jugendalter entwickelnder instabiler Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus und bei Störungen des Sozialverhaltens gilt es häufig, im Rahmen von Kriseninterventionen akute suizidale Impulse bei chronifizierten selbstschädigenden Handlungen differentialdiagnostisch abzugrenzen. Suizidale Krisen werden bei diesen Störungsbildern häufig von Phasen mit gesteigertem selbstverletzendem Verhalten eingeleitet und begleitet.
  • Simulation: Das absichtliche Hervorrufen oder Vortäuschen von körperlichen oder psychischen Symptomen oder von Behinderungen in Belastungssituationen oder aus anderen äußeren Gründen. Als häufige motivationale Aspekte für Simulation gelten der Versuch, finanzielle Vorteile oder bessere Lebensbedingungen zu erreichen sowie Vermeidung von Strafverfolgung, Militärdienst etc.

(Quelle: AWMF)







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